Sagt Paulus, dass wir keine Sünder sind? Wenn ja, wo?
By CopticBot.ai (Coptic Space Inc.) · Last reviewed 2026-10-10
Paulus verwendet eine präzise theologische Sprache, um den Status des Gläubigen zu beschreiben. Er lehrt zwar, dass wir nicht mehr unter der Herrschaft der Sünde stehen, er sagt jedoch an keiner Stelle, dass wir in unserer menschlichen Natur bereits vollkommen sündlos oder keine „Sünder“ mehr im Sinne der Fehlbarkeit seien.
1. Wir sind keine „Sklaven der Sünde“ mehr
In Römer 6,18-22 schreibt Paulus: „Da ihr nun frei geworden seid von der Sünde, seid ihr Knechte geworden der Gerechtigkeit.“
- Orthodoxe Deutung: Das bedeutet, dass die Sünde nicht mehr unser rechtmäßiger Herr ist. Wir haben durch die Taufe die Freiheit erhalten, Nein zur Sünde zu sagen. Unser Status hat sich von „Sklave“ zu „Kind Gottes“ geändert.
2. Wir werden als „Heilige“ und „Gerechte“ bezeichnet
Paulus adressiert seine Briefe oft an die „Heiligen“ in den jeweiligen Städten (z. B. 1. Korinther 1,2).
- Das Wort „heilig“ bedeutet hier „ausgesondert für Gott“. Wir sind gerechtfertigt (als gerecht erklärt) durch den Glauben und die Gnade. Dies ist unser juristischer und geistlicher Stand vor Gott aufgrund des Opfers Christi.
3. Dennoch nennt Paulus sich selbst einen Sünder
Der entscheidende Vers, der die Ansicht widerlegt, Paulus sähe Gläubige als absolut „sündenfrei“, steht in 1. Timotheus 1,15:
„Das ist gewisslich wahr und ein Wort, des Glaubens wert, dass Christus Jesus gekommen ist in die Welt, die Sünder selig zu machen, unter denen ich der erste (vornehmste/größte) bin.“
Er sagt nicht „ich war“, sondern „ich bin“ (Griechisch: eimi – Präsens). Der Apostel, der die höchsten Offenbarungen empfing, sah sich selbst aufgrund der Tiefe seiner Erkenntnis Gottes immer noch als der Gnade bedürftig.
4. Der innere Konflikt (Römer 7)
In Römer 7,19-24 beschreibt Paulus den Kampf, den jeder Christ kennt: „Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich. [...] Ich elender Mensch! Wer wird mich erlösen von diesem leib des Todes?“
Selbst als Gerechtfertigter erlebt er die Spannung zwischen dem „neuen Menschen“ und dem „Fleisch“, das noch der Vergänglichkeit unterworfen ist.
Zusammenfassung
Paulus sagt:
- Ja, wir sind keine Sünder mehr im Sinne von Verlorenen, die keine Wahl haben. Wir sind eine „neue Kreatur“.
- Nein, er sagt nicht, dass wir keine Sünde mehr tun oder keine sündige Natur mehr hätten, gegen die wir kämpfen müssen.
Die Behauptung, wir seien keine Sünder mehr, ist oft ein Missverständnis des Begriffs „Rechtfertigung“. Aus koptisch-orthodoxer Sicht ist die Rechtfertigung der Beginn eines Weges (Theosis/Vergöttlichung), auf dem wir durch ständige Umkehr (Metanoia) immer mehr dem Bild Christi ähnlich werden. Wer sagt, er habe keine Sünde, widerspricht nicht nur Paulus, sondern auch dem Evangelisten Johannes (1. Joh 1,8).